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Ohne Spenden geht es nicht: Das Geburtshaus braucht mehr Geld

Das vor vier Jahren eröffnete Geburtshaus «Maternité Alpine» in Zweisimmen steckt, trotz hoher Beliebtheit, in finanziellen Nöten und wendet sich aktuell mit einem Spendenaufruf an die Bevölkerung. Weil das Ziel eines selbsttragenden Betriebs noch nicht erreicht ist, ist diese Massnahme unumgänglich. Wird mit dem Spendenaufruf nicht ein Mindesterfolg erzielt, droht dem Geburtshaus die Schliessung per Ende Jahr. Zunehmend wollen Frauen, deren Schwangerschaft normal verläuft, nicht im Spital gebären. Der Spendenaufruf soll deshalb gleichzeitig auch der besseren Bekanntmachung dienen.

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Ohne Spenden geht es nicht: Das Geburtshaus braucht mehr Geld

© Stefan Pfander

Junges Familienglück: Judith Bucher und Fredy von Grünigen mit Yaron.

Man erinnert sich: Die Ankündigung der Schliessung der Geburtshilfe am Spital Zweisimmen durch die Spital STS (Simmental-Thun-Saanenland) AG führte im 2014 zu heftigen Reaktionen im Simmental. Ein Komitee von «Spitalkämpferinnen» sammelte 9000 Unterschriften gegen diesen Entscheid und bat den Regierungsrat um Intervention. Diese Aktion sowie Konsultativabstimmungen mit fast einstimmiger Unterstützung der Forderung nach einem Erhalt der Geburtshilfe am Spital fanden jedoch bei der Regierung kein Gehör. Das rief bei vielen Einheimischen Enttäuschung hervor, hatte doch im Vorfeld der nationalen Abstimmung vom 18. Mai 2014 die Landesregierung verkündet, dass Bund und Kantone mit der Annahme der Vorlage verpflichtet würden, «gemeinsam die medizinische Grundversorgung zu stärken und die Hausarztmedizin zu fördern». Heute beklagen insbesondere Pflegeeinrichtungen, dass in den vergangenen Jahren exakt das Gegenteil geschehen ist und dass anhaltende Kürzungen faktisch einen Leistungsabbau bewirken.

Mit der Lücke, die im April 2015 mit der Schliessung der Geburtsabteilung am Spital Zweisimmen entstand, konnten und wollten sich engagierte Einheimische nicht einfach so zufriedengeben. Um die geburtsdienstliche Grundversorgung in der Region zu sichern, gründete ein Projektteam aus 49 Personen am 30. Juli 2015 eine Genossenschaft. Seit dem 1. Januar 2017 ist die «Maternité Alpine» in Betrieb und stellt ihre Dienste als eines von schweizweit 24 Geburtshäusern an 365 Tagen und rund um die Uhr zur Verfügung.

Wohnortnahe geburtshilfliche Grundversorgung

Das Geburtshaus steht unter der Co-Leitung von Marianne Haueter und Maja Hiltbrunner. Beide im Simmental wohnhafte Frauen sind diplomierte Hebammen mit Masterabschlüssen und langjähriger praktischer Berufserfahrung. Haueter war Dozentin an der Berner Fachhochschule im Bachelor-Studiengang «Hebamme». Hiltbrunner hat als Ausbildungsverantwortliche in der Universitätsfrauenklinik Bern, als Hebammenexpertin am Triemlispital in Zürich und als Leiterin des Ausbildungszentrums am Kantonsspital Freiburg gearbeitet. Marianne Haueter: «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass auch Frauen und ihre Familien im Alpenraum Zugang zu einer wohnortnahen geburtshilflichen Grundversorgung haben.»

Das genossenschaftlich organisierte «Selbsthilfemodell» wird als eine wichtige Alternative zu den Schliessungen von klinischen Geburtshilfeabteilungen in Spitälern im ländlichen Raum gesehen. Auch erhöht es die Attraktivität unserer vom Tourismus geprägten Region.» Genossenschafts-Präsidentin Anne Speiser: «Wir wollen keine Luxuslösung für unsere Region, aber eine diskriminierungsfreie Versorgung für Frau, Kind und die Familien.»

Seit der Eröffnung bilanziert das Geburtshaus mehr als 220 Geburten und 320 Frauen mit Neugeborenem im stationären Wochenbett, sowie über 1300 Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchungen und 2100 Wochenbettbesuche zu Hause bei den Familien. Mehr als 400 Mal wurde der geburtshilfliche Dienst von Einheimischen und Touristinnen bei Fragen und Notfällen in Anspruch genommen.

Personell heisst das: 7,5 Vollzeitstellen, zwölf Hebammen, vier Hauswirtschafterinnen und eine Buchhalterin. Zusätzlich vier Hebammen in Ausbildung, verteilt übers Jahr, welche ihre Praktika in der Maternité Alpine absolvieren.

Marianne Haueter: «Der Hebammen-Beruf stösst bei jungen Frauen auf Interesse. Es gibt keine Nachwuchs-Sorgen, jedoch in vielen Kliniken Rekrutierungsprobleme für Hebammen. Die Maternité Alpine musste noch nie eine Stelle ausschreiben. Die Möglichkeit der ganzheitlichen, kontinuierlichen Betreuung über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett im Modell der Maternité Alpine ist wertvoll und gefragt, sowohl bei diplomierten Hebammen als auch bei jungen Kolleginnen in Ausbildung.»

Nicht im Spital gebären…

Zweisimmen, Eggetlistrasse 5, am 9. Februar: Liebevoll halten die frisch gebackenen Eltern Judith Bucher und Fredy von Grünigen ihren vor vier Tagen im Geburtshaus zur Welt gebrachten Yaron in den Händen. Nach vier Nächten in der Maternité Alpine stehen sie gerade vor dem Austritt und stellen sich dem Fotografen der Simmental Zeitung für ein Bild und ein paar Fragen zur Verfügung. Judith Bucher: «Ich entschied mich für das Geburtshaus, weil es in der Region ist und wir nicht ins Spital wollten.»

Ihr Beispiel ist kein Einzelfall: Die Zahl der Frauen, die ihr Kind nicht in einem Spital «das Licht der Welt» erblicken lassen möchten, nimmt zu. Anders als in Spitälern wird die Geburt in einem Geburtshaus nicht durch Ärzte, sondern durch Hebammen geleitet. Fredy von Grünigen: «Wir sind sehr zufrieden, es wird mit Herzblut gearbeitet, und wir fühlten uns sehr geborgen. Ich durfte drei Nächte mit meiner Familie verbringen. Eine Nacht nutzte ich, um mit meinen Freunden anzustossen. Dem Team gehört für die Begleitung und Betreuung unser herzliches Dankeschön.»

Ohne Spenden droht die Schliessung

Die Maternité Alpine ist als Genossenschaft aufgestellt. Sie ist eine gemeinnützige steuerbefreite Institution. Trotzdem ist eine ausgeglichene Bilanz für das Geburtshaus das angestrebte Ziel. Seit der Betriebseröffnung übersteigen die Kosten für den Betrieb des Geburtshauses die Einnahmen um 150 000 bis 200 000 Franken jährlich. Wurden die Fehlbeträge der ersten Jahre mit Einlagen aus dem Genossenschafts-Kapital und Spenden ausgeglichen, ist nach knapp vier Jahren die Schmerzgrenze erreicht: Wenn bis Ende Jahr nicht genügend Spenden zur Finanzierung der nächsten zwei Betriebsjahre generiert werden können, muss gemäss Pressemitteilung das Geburtshaus zum 31. Dezember 2021 seine Türen schliessen.

Deshalb tritt jetzt die Maternité Alpine mit einem Spenden-Aufruf an die Öffentlichkeit und ruft zur Solidarität auf. Eine Infobroschüre in den drei Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch ist Teil dieser Kampagne. Die Genossenschaft kann einerseits direkt unterstützt werden, sei es durch eine Spende oder eine Mitgliedschaft. Andererseits ist durch die gegenwärtig erschwerte persönliche Kontaktaufnahme mit potenziellen Sponsoren die Idee eines Crowdfundings auf der Plattform lokalhelden.ch der Raiffeisenbank entstanden. Wird der Finanzierungsbetrag für ein Projekt innerhalb der gesetzten Zeitspanne erreicht, erhält dieses den kompletten Spendenbetrag. Falls nicht, erhalten die Spender ihr Geld zurück.

Mit dem Spendenziel von 400 000 Franken will das Geburtshaus vorausschauend die Betriebsjahre 2022/23 sichern. Gemäss der Broschüre und der Pressemitteilung ist das Geburtshaus nach allen Seiten offen und bemüht um Gespräche und Lösungsfindungen, auch mit Gemeinden, dem Kanton und regionalen Gesundheitspartnern.

Über das Ziel hinaus, eine Schliessung durch Spendenzusagen abzuwenden, sehen die Verantwortlichen der Maternité Alpine den Aufruf auch als Möglichkeit, die Bekanntheit des Geburtshauses zu steigern. Marianne Haueter: «Je mehr Geburten in unserem Haus stattfinden, umso mehr nähern wir uns dem Ziel, den Betrieb selbsttragend führen zu können. Namentlich auch im Niedersimmental und dank unserer Sprachkompetenz auch im angrenzenden Pays d’Enhaut, möchten wir Frauen auf unser Geburtshaus aufmerksam machen.»

Erstellt am: 21.02.2021

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