Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Zum Tag der Tracht vom 6. Juni 2020

Die Tracht anziehen ist ein Heimatgefühl

Im Kanton Bern gibt es aktuell 27 aktive diplomierte Trachtenschneiderinnen, die der Bernischen Trachtenvereinigung (BTV) angeschlossen sind und mit viel Fachwissen und Leidenschaft das Trachtennähen pflegen. Mit Céline Hählen, wohnhaft in Matten, Barbara Moor in St. Stephan, Agnes Rieben in Boltigen und Rebecca Rothenbühler in Oberwil betreiben vier davon jeweils ihr eigenes, ausgewiesenes Atelier. Eine wohltuende Dichte an Trachtenschneiderinnen beheimatet in unserem Tal, also. Am längsten dabei und am stärksten in die Trachtenwelt eingetaucht ist jedoch mit Bestimmtheit die 83-jährige Martha Heimberg aus Oberwil – eine absolute Koryphäe im Trachtenwesen.

rating rating rating rating rating

Die Tracht anziehen ist ein Heimatgefühl

/

Die beiden Trachtenschneiderinnen Martha Heimberg in der einfachen Simmentaler Tracht sowie Tochter Erika Steiner in der Simmentaler Sonntagstracht mit dem typischen goffrierten „Bschysser“ oder Vorstecker des Niedersimmentals.

Das Fäckli der Niedersimmentaler Tracht.

Es kommt auch auf die Details an.

Wertvolle Literatur für Trachtenschneiderinnen und -anhängerinnen.

Als Ur-Oberwilerin hat Martha Heimberg im 1957 den Lehrabschluss als Schneiderin in Spiez gemacht, bevor sie das Trachtennähen in Riggisberg erlernte und von 1958 bis 1961 in Schüpfen als Trachtenschneiderin angestellt war. In dieser Zeit wurde ihr das Trachtenstübli in Thun angeboten: «Ich wollte es nicht übernehmen, sehr wohl aber dort ‹wärchen›», was sie von 1961 bis zu ihrer Heirat mit Alfred Heimberg im Jahr 1967 auch tat. «Das Trachtennähen hat sich einfach so ergeben, ohne dass da grosse Ambitionen gewesen wären», meint die mit einem einzigartigen Fachwissen ausgestattete Oberwilerin schlicht.

Trachten-Koriphäe im Berner Oberland
Martha Heimberg gehörte im Jahr 1978 zu den ersten, die die Fachprüfung der bernischen Vereinigung für Tracht und Heimat als anerkannte Trachtenschneiderin erfolgreich absolviert hatte: «Wir waren zu dritt – und daheim hatte ich vier kleine Kinder!», und das Jüngste trug sie unter dem Herzen, erinnert sie sich rückblickend. Damit nicht genug, für die kommenden Prüfungen stand Martha Heimberg als frische Absolventin auch gleich als Expertin im Einsatz.

Wenig später wurde Martha Heimberg als Trachtenberaterin der bernischen Trachtenvereinigung für den Landesteil Oberland gewählt und wurde nach 25 Jahren Vorstandstätigkeit im Jahr 2006 zum Ehrenmitglied ernannt. Gleichzeitig gab sie das anspruchsvolle Beratungsamt an Tochter Erika Steiner weiter, die bis heuer Trachtenberaterin war und diese Aufgabe nun an die Mattnerin Céline Hählen weitergibt.

Vom leeren Blatt zum detaillierten Trachten-Beschrieb
Als Martha Heimberg begann, Trachten zu nähen, gab es mit Ausnahme eines kleinen Büchleins aus dem Jahre 1944 keine Beschreibungen zu den einzelnen Trachten: «Aber wie soll eine Tracht gefertigt werden, wenn man nicht weiss, wie die Vorschriften lauten?» So kam es, dass in der Zeit, als sie in der Trachtenberatung war, sämtliche Trachten des Kantons Bern erhoben und beschrieben wurden: «Wir nahmen mit den regionalen Trachtenleuten Kontakt auf und haben in Bern gemeinsam die Trachten aufgenommen. Pfarrer Spichiger schrieb alles ins Reine, worauf man es vor Drucklegung zur Kontrolle wieder in die Region zurückgab. Und dies wohlverstanden von allen Trachten vom Kanton Bern, wir hatten unzählige Sitzungen! Zu den Beschreibungen wurden zudem Blätter mit ‹Tuechblätzlene› gemacht, die als Vorlage dienten», blickt Martha Heimberg auf das aufwendige Prozedere zurück: «Die heutigen Trachtenschneiderinnen haben keine Ahnung, was für ein Riesenaufwand dies war.» Unzählige zusätzliche Arbeitsstunden, die neben der grossen Haushaltung und der Näherei dazukamen.
Hunderte von Trachten für Nähkurse zugeschnitten
Schon früh führte Martha Heimberg jährlich Trachtennähkurse durch, sowohl für sämtliche Frauenvereine im Simmental als auch für das engere Oberland. Die Kurse wurden bis vor rund einem Dutzend Jahren zudem jeweils durch die Volkswirtschaftskammer subventioniert.

«Die Nachfrage war gross, lange Jahre bot ich drei Kurse vor und drei nach Weihnachten an.» In den letzten Jahren hat sich das Verhalten der jungen Frauen jedoch stark verändert, da diese heutzutage mehr arbeiten und dadurch weniger Zeit zum Nähen hätten. So erteilte sie im Jahr 2008 den letzten Kurs in St. Stephan und führte den allerletzten in Oberwil im Jahr 2009 durch.

Auch an der Bergbauernschule auf dem Hondrich führte Martha Heimberg ab 1979 über 28 Jahre unzählige Trachtennähkurse durch. Nachdem sie aufgehört hatte, übernahm Erika diese Aufgabe. Das Interesse veränderte sich jedoch zusehends und heute gibt es kaum noch Kurse für’s Trachtennähen. Gleichwohl können sich Interessierte bei Erika Steiner melden und unter ihrer Anleitung ihre Tracht selbst nähen.

Mit dem Kurswesen und den selbst genähten hat Martha Heimberg in den strengsten Zeiten pro Winter gut und gerne hundert Trachten zugeschnitten und beim Nähen mitgeholfen: «Die meisten Frauen haben es ganz gut hingekriegt, mir auch ‹gfolget› und das gemacht, was ich ihnen jeweils als Aufgabe mitgegeben habe.»

«Die Freude an der Tracht ist noch viel grösser, wenn man selbst stundenlang daran gestichelt hat und weiss, was es alles braucht dazu», erinnert sich übrigens auch die Schreibende an ihren Trachtennähkurs während acht Mittwochnachmittagen anfangs der neunziger Jahre bei Martha Heimberg im Schulhaus Oberwil.

Mutter und Lehrmeisterin in einem
Unterstützt wird Martha Heimberg über viele Jahre schon von ihrer Tochter Erika. Diese ging ihrer Mutter von klein auf kräftig zur Hand und hatte schon in der vierten Klasse nur den einen Berufswunsch, den der Trachtenschneiderin. Und so hat Martha ihrer Tochter diesen Herzenswunsch erfüllt, und sie als Lehrmeisterin zur Trachtenschneiderin ausgebildet. Die einzige übrigens: «Aus zeitlichen Gründen, mit grosser Familie und kleiner Wohnstube ergab es sich einfach nicht anders», erklärte sie beinahe entschuldigend.

Dabei ist Martha Heimberg eine gute Grundausbildung sehr wichtig und sie bedauert, dass die Ausbildung von zwei auf ein Lehrjahr verkürzt worden ist: «Dies ist eindeutig zu wenig für diese herausfordernde und umfangreiche Ausbildung! Die jungen Trachtenschneiderinnen können sich in lediglich einem Lehrjahr schlichtweg zu wenig Routine und Fachwissen aneignen!» Martha Heimberg gibt bei Bedarf deshalb auch heute gerne noch Auskunft und wird immer mal wieder von regionalen Trachtenschneiderinnen um Rat gefragt.

Aber zurück zu Tochter Erika: Diese nähte bis zur Heirat bei ihrer Mutter, bevor sie nach Krattigen zog und dort ihr eigenes Trachtenstübli eröffnete. Auf die Frage nach der eigentlichen Lieblingstracht, wird bald einmal klar, dass die hiesigen Trachten beiden am Herzen liegen: «Die Simmentaler ist halt unsere Tracht», erläutert Erika Steiner schlicht.

Fünf Kinder im «Wohnstube-Trachtestübli» daheim
Die Wohnstube der Familie Heimberg mit fünf Kindern war zeitlebends das Trachtenstübli der Trachtenschneiderin: «Wir haben ‹geng› nur Trachten für Frauen genäht, und trotzdem von all der vielen Arbeit manchmal nicht mehr gewusst, wo der Kopf steht.»

Heute ist die 83-jährige Martha Heimberg nicht mehr so schnell auf den Beinen, aber nähen tut sie für ihre Kundinnen gerne noch Tag für Tag: «Sonst wird es mir langweilig, gerade in dieser speziellen Zeit.» So hat sie die vielen Bestellungen für einmal in aller Ruhe fertig nähen können. Ihr Handwerk ist und bleibt ihre grosse Leidenschaft – auch nach all den vielen Jahren.

«Es war über Jahrzehnte eine unerkannt strenge Zeit; sie gab mir aber auch viel Befriedigung. Bei all den Trachtenausstellungen bemerkte ich zudem immer wieder, wie gross die Freude der Menschen an den Trachten ist», blickt Martha Heimberg dankbar zurück und findet es immer wieder schön, anhand der Tracht zu sehen, woher die Menschen aus der Schweiz stammen. Und gerne gibt die 83-Jährige zusammen mit ihrer Tochter Erika Steiner den Trachteninteressierten folgende Gedanken mit auf den Weg: «Bitte wahrt die Tradition und driftet nicht in einen undefinierbaren Dirndl-Stil ab. Nehmt euch zudem stets genügend Zeit, die Tracht richtig anzuziehen, tragt sie in Ehren und verhaltet euch entsprechend.» Denn eine Tracht zu tragen, sei nicht verkleiden – eine Tracht zu tragen gehört zur urschweizerischen Tradition und ist zudem ein Stück Heimat.

Erstellt am: 22.06.2020

Artikel bewerten

rating rating rating rating rating
Kommentare
Interessante Artikel