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MOB-Steuerwagen zwischen Lenk und Zweisimmen aus den Schienen gehoben

Burglinds Vermächtnis: Sturm wehte Zug aus den Schienen

Schon der gesamte Mittwochvormittag, 3. Januar, stand schweizweit ganz im Zeichen des Wintersturms Burglind. Gegen Mittag erreichte von Norden her eine markante Kaltfront das Oberland, wobei die absoluten Windspitzen erreicht wurden. Entwurzelte Bäume, Stromunterbrüche, stillstehende Bergbahnen und schwierige Strassenverhältnisse waren unter anderem die Folge. Kurz nach dem Mittag entgleiste auf der MOB-Strecke zwischen Lenk und Matten ein Steuerwagen der MOB. Dabei wurden acht Personen verletzt.

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Burglinds Vermächtnis: Sturm wehte Zug aus den Schienen

Der umgekippte Steuerwagen des «Bärenzuges» kann auf freier Strecke zwischen den Stationen Boden und Matten wegen des nassen Untergrundes erst geborgen werden, wenn der Boden durch die schweren Kräne befahrbar ist.

22 Passagiere waren am 3. Januar mit dem MOB-Zug fahrplanmässig um 12.37 Uhr an der Lenk gestartet. Froh, im warmen Zugwagen dem Sturm Burglind und dem peitschenden Regen entronnen zu sein. Doch bereits wenige Kilometer später stoppte die Fahrt abrupt: Die Richtung Zweisimmen fahrende Zugskomposition war zwischen den Haltestellen Boden und Matten unterwegs, als der 19 Tonnen schwere Steuerwagen auf der Höhe der Garage Gobeli von einer Windböe erfasst, von den beiden hinteren Wagen getrennt wurde und mit einer unheimlichen Geräuschkulisse und fliegendem Schotter auf der linken Seite schliesslich zum Liegen kam. Dank der guten Reaktion des erfahrenen Lokführers, der realisierte, dass etwas nicht stimmte und daher unverzüglich eine Vollbremsung einleitete, konnte vermutlich Schlimmeres vermieden werden. Instinktiv hielt er sich in der Führerkabine geduckt fest und blieb so unverletzt. Die beiden hinteren Wagen überholten den aus den Schienen gehobenen Steuerwagen und kamen schliesslich einige Meter weiter auf dem Geleise zum Stillstand.

Ersthelfende und alarmierende Feriengäste
Dieses unglaubliche Szenario beobachteten zufälligerweise Roger und Priska Wittwer, die sich in ihrem unmittelbar daneben liegenden Feriendomizil gerade zu einer Tasse Kaffee an den Küchentisch setzten und dem draussen peitschenden Wintersturm zuschauten: «Wir funktionierten augenblicklich: Alarmieren, Gummistiefel und Regenzeug anziehen und sofort nachschauen, ob geholfen werden kann.» Als Erstes machte sich Roger Wittwer ein Bild zur Umgebung der Unfallstelle und unterstützte dabei den Lokführer. Als Mitglied der Feuerwehr Bolligen und Elektriker mit eigenem Geschäft brachte der 52-jährige Wittwer wertvolle Kenntnisse mit sich: «Mein Augenmerk galt vorab speziell den Fahrleitungen und der damit möglichen Gefährdung durch Stromstösse». Anschliessend sicherte er zusammen mit dem Zugführer die beiden noch stehenden Waggons und half den Passagieren heraus.

Währenddessen hatte sich Priska als gelernte Krankenschwester im liegenden Wagen einen Überblick verschafft, machte bei den acht Verletzten unmittelbar eine Triage und hiess die 16-jährige Tochter Monique, der meistverletzten Person beizustehen. Derweil schickte sie den 20-jährigen Sohn Nicola zurück ins Ferienhaus, um Verbandsmaterial und Wärmedecken zu holen. Da der Steuerwagen auf der Seite lag, waren die Ersthilfemassnahmen sehr vorsichtig anzugehen: «Wir mussten uns auf den rutschigen Fensterscheiben vorsichtig vorwärts bewegen, um zu den Verletzten zu gelangen». Beeindruckt hatte sie die Ruhe, die im Wagen herrschte: «Obwohl einige Passagiere hoch runtergefallen waren, kam keine Panik auf und die Betroffenen standen teilweise unter Schock, waren aber gleichzeitig gefasst und dankbar um unsere Hilfe.»

22 Passagiere – 22 Schicksale
Unter ihnen war auch Beat Abplanalp aus der Lenk, der im umgestürzten Steuerwagen aber unverletzt blieb: «Das war eine strube Situation. Ich konnte mich am Fenster festhalten und da ich links sass, fiel ich nicht weit runter. Plötzlich lag ich jedoch zwischen all den Verletzten und da ich unter starker Epilepsie leide, war ich froh, rüber zu Gobelis in den Schauraum flüchten zu können», äusserte sich der 45-Jährige auf Anfrage. «Obwohl ich meine Schwester nochmals besuchen wollte, die an diesem Tag wieder zurück nach Australien flog, hatte ich nach dem Erlebten nicht mehr die Kraft, nach Zweisimmen zu fahren und die Verabschiedung konnte halt nur noch telefonisch stattfinden». Anschliessend wurde er mit weiteren gestrandeten Passagieren von Roland Oehrli mit dem Taxi abgeholt und wieder an den Lenker Bahnhof gestellt. Vergangenen Montag stieg Beat Abplanalp erstmals wieder in einen Zug, allerdings mit etwas mulmigem Gefühl.

Am schlimmsten erwischte es wohl den 62-jährigen Beat Kläy aus Wichtrach, der auf der rechten Seite sass und beim Sturz aus der Höhe Kopfverletzungen und Schulterprellungen erlitt sowie die Hand einklemmte. Vergangenen Freitagnachmittag konnte er das Spital verlassen, hat aber nach wie vor Schmerzen im Nacken- und Schulterbereich und befindet sich in ärztlicher Behandlung: «Ich bin an der Lenk essen gegangen und wollte eigentlich auf dem Rückweg in Zweisimmen noch einen spontanen Besuch machen». Wohl landete er in Zweisimmen, unglücklicherweise aber nicht bei den Bekannten, sondern mit der Ambulanz im Spital.

Glück im Unglück hatten hingegen Kathrin und Kurt Fink, die sich nach Einkäufen auf dem Heimweg zum Feriendomizil in Matten befanden. «Seit Jahr und Tag steigen wir an der Lenk stets in den vordersten Wagen ein. Da wir jedoch Bekannte trafen, stiegen wir mit ihnen ausnahmsweise zuhinterst ein», erläuterte Kathrin Fink: «Bei der Entgleisung des Steuerwagens war das Allerschlimmste, wie es zuerst ohrenbetäubend und unheimlich rumpelte. Plötzlich sahen wir den Steuerwagen neben uns am Boden liegen, der stehende Zug schlitterte langsam daran vorbei und blieb dann stehen. Auf einmal herrschte Totenstille. Da kam Angst auf, dass alle tot sein könnten!»

Mehr oder weniger unter Schock sind alle in den stehenden Waggons beieinander geblieben. Als es diese durch die Windböen weiterhin «hudlete», stiegen sie mithilfe der Rettungskräfte aus und konnten sich zum Schauraum der Garage Gobeli begeben. «Es ist alles ganz ruhig abgelaufen, das hat mich getragen und mir gutgetan».

Gobelis Schauraum wurde zum wertvollen Warteraum
Ganz speziell wird auch das Team der Lenker Garage Gobeli diesen 3. Januar in Erinnerung behalten: Anstelle Arbeiten war nach dem Mittag plötzlich nur noch Beistand angesagt, denn Gobelis Gelände wurde von einem Moment auf den andern von unzähligen Ambulanz-, Feuerwehr- und Polizeiautos überlagert und der Schauraum diente im peitschenden Schneesturm fortan als hilfreicher Warteraum. Roland Gobeli: «Unser Sohn Dino hatte das Unglück beobachtet und rannte sofort auf die Unfallstelle. Da Wittwers bereits alarmiert hatten, boten wir den gestrandeten Passagieren unseren Ausstellungsraum sowie Stühle und Getränke an. Später kamen die Retter auch mit den Verletzten in den warmen Schauraum und konnten diese so im Trockenen auf die Bahren laden. In so einem Moment überlegt man nicht lange, da hilft man einfach», war Gobelis bescheidene Reaktion.

Rund zwei Stunden verbrachten Kathrin und Kurt Fink schliesslich im Schauraum, wurden von verschiedenen Rettungskräften registriert und befragt, bevor sie Roland Oehrli nach Matten führte. Die 66-Jährige hat jahrelang mit Schwerstbehinderten gearbeitet und dabei gelernt, auf Kleinigkeiten zu achten. So ist es ihr ein grosses Anliegen, die vielen stillen Schaffenden auf der Unglückstelle zu erwähnen und ihren grossen Einsatz zu verdanken. Aber auch der Einsatz der erstrettenden Familien Wittwer und Gobeli ist alles andere als selbstverständlich: «Wir haben gestaunt, woher all die vielen Retter herkamen, die zuvor draussen im ‹Seich› standen und für alles schauten, und sich danach ‹pfludinass› im Schauraum einfanden, um sich zu wärmen. Bestimmt im Namen aller Geretteten sprechen wir allen Helfenden unseren grossen Dank aus».

Laut Mediensprecher Dominik Jäggi von der Kantonspolizei Bern standen insgesamt acht Ambulanzen, die REGA, die Polizei sowie die Feuerwehren Lenk und Zweisimmen im Rettungseinsatz. Auch die Feuerwehr St. Stephan leistete wertvolle Hilfe und stellte die Rettungsgasse im Gebiet Maulenberg sicher, wo bereits Windfallholz über der Strasse lag.

Die Lenker Feuerwehr war mit 40 Mann zuerst auf der Unfallstelle und hatte die Rettung und Versorgung der verletzten Passagiere übernommen. Kommandant Matthias Meier leitete den Rettungseinsatz vor Ort und bot den Samariterverein Lenk auf, der das Ambulanzteam und die Ärzteschaft mit einer Triage unterstützte: «Alle Beteiligten hatten riesiges Glück! Besonders auch die Zugsinsassen, die glücklicherweise keine gröberen Verletzungen aufwiesen. Der Unfallablauf selber hat aufgezeigt, was passieren könnte!»

Ruhe nach dem Sturm?
Tags darauf wurde die Ferienidylle der Familie Wittwer ein weiteres Mal von einer Minute zur anderen gestört: Reporterteams von diversen Printmedien und von SRF gaben sich bei intensivem Dauerregen die Türe in die Hand. Glücklicherweise hatten die Wittwers Zeit und nahmen sich diese auch, um über das Erlebte zu berichten. Dabei blitzte zwischendurch auch etwas wie bescheidener Stolz auf, wie die Familie diese Extremsituation gemeinsam gemeistert hatte. Zwischenzeitlich ist bei Wittwers jedoch wieder Ruhe eingekehrt und sie geniessen künftig gerne wieder, was sie an ihrem Lenker Ferienparadies so sehr schätzen: Ruhe und Beschaulichkeit.
Burglinds Vermächtnis: Sturm wehte Zug aus den Schienen

Der umgekippte Steuerwagen des «Bärenzuges» kann auf freier Strecke zwischen den Stationen Boden und Matten wegen des nassen Untergrundes erst geborgen werden, wenn der Boden durch die schweren Kräne befahrbar ist.

Burglinds Vermächtnis: Sturm wehte Zug aus den Schienen

Ergänzten sich optimal: Monique, Priska, Roger und Nicola Wittwer leisteten beim Zugsunglück unverzüglich Erste Hilfe. Nun liegt der Steuerwagen des «Bärenzuges» gut eingepackt neben ihrem Feriendomizil und wartet auf seine Bergung.

Erstellt am: 11.01.2018

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