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Klaus Maria Brandauer las «Eine Pilgerfahrt zu Beethoven»

Richard Wagner auf dem Ego-Trip

Durch Pianist Sebastian Knauer und Schauspieler Klaus Maria Brandauer wurden am Donnerstag, 4. August im Rahmen des Gstaad Menuhin Festival & Academy gleich zwei Komponisten in den Mittelpunkt gerückt. Einerseits der junge Richard Wagner (1813–1883), der als Autor der «Pilgerfahrt zu Beethoven» seine Fantasie von einem Ritterschlag durch Beethoven auslebte. Aber auch um Beethoven (1770–1827) und darum, was der wohl zu der fiktiven Geschichte gesagt hätte.

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Klaus Maria Brandauer und Sebastian Knauer in Zweisimmen

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© Armin Berger

Im Rahmen des Gstaad Menuhin Festival & Academy schlüpfte Klaus Maria Brandauer in die Rolle des Ich-Erzählers in Richard Wagners Novelle «Pilgerfahrt zu Beethoven».

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Sebastian Knauer ergänzte die Lesung durch die passende Musik: Hier bei der Mondscheinsonate von Beethoven.

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Gebannt verfolgte Klaus Maria Brandauer nach seiner Lesung Beethovens Mondscheinsonate, interpretiert von Sebastian Knauer.

© Armin Berger

Was Brandauer in der beinahe ausverkauften reformierten Kirche Zweisimmens in knapp 90 Minuten Lesung ohne Pause vortrug, ist – oberflächlich betrachtet – schnell gesagt: Die «Pilgerreise zu Beethoven» wurde von Richard Wagner als fiktive Geschichte 1840/41 ersonnen, rund dreizehn Jahre nach Beethovens Tod. Inhalt: Der junge und damals wenig erfolgreiche sowie Geldsorgen geplagte Wagner sparte unter allerlei Entbehrungen für eine Reise nach Wien, um den von ihm verehrten Meister Beethoven zu sehen. Erst mal auf den Weg gemacht, gelingt ihm dies, mit den zu erwartenden Verwicklungen und Schwierigkeiten, auch. Und – gewissermassen als unverhoffte Krönung der Reise – beschreibt der fiktive Beethoven sogar noch, wie sich die Oper weiterentwickeln müsste, ganz so, wie es Wagners Idee war.

Wagner: Der demütige Ich-Erzähler einer heiteren Geschichte

So betrachtet konnte man Brandauers Lesung auch ohne viel Hinterfragen unterhaltsam nehmen. Als heitere und durchaus gut gemachte Geschichte des aufstrebenden aber armen Künstlers, der es mit Willen, Schläue und Witz schafft, einmal seinem Idol zu begegnen. Und von diesem nicht nur wohlwollend empfangen wird, sondern auch noch meisterliche Ratschläge erhält.

Wagner selbst stellt sich in seiner Geschichte gegenüber Beethoven natürlich als niederrangig dar. Geradezu demütig und unterwürfig gibt er sich, um in die Nähe des Bewunderten zu gelangen. Und Brandauer bringt diesen Wagner zum Vorschein und zum Leben. Richard Wagner, dem (noch) nicht anerkannten Genie, dem charmanten Gesprächspartner, dem nach Bestimmung und wahrer Kunst suchenden Musiker vor seinem Durchbruch, getrieben vom Verlangen nach einer Begegnung mit seinem Idol. Dem leichtfüssigen Engländer, der kein Nein akzeptieren kann.. Und natürlich Beethoven. Dem alten Beethoven, taub und schwermütig. Desillusioniert und mit brüchiger Stimme.

Wagner: Das egozentrisch-narzistische Ekel

Doch ist die Pilgerreise nicht lediglich ein amüsantes Unterhaltungswerk. Wer als Autor aktiv ist, erzählt niemals nur eine fiktive Geschichte. Er erzählt damit auch einiges über sich selbst. Und da ist Wagner keine Ausnahme.

Wagner, der Selbstverliebte. Der stimmenmordende, egozentrische Kotzbrocken. Der schleimende Charmeur. Es gibt kaum einen anderen Künstler, bei dessen Wahrnehmung so streng zwischen Person und Werk getrennt wird. Doch hier? Hier schreibt der Künstler über sich selbst, stellt sich und seine Person in den Mittelpunkt des Werkes. Eine Trennung? Unmöglich.

Wagner kommt vor allem zu Beethoven, um sich selbst zu feiern. Dem verwunderten Beethoven («Sie wollen fort?»), entgegnet er nach einem kurzen ersten Treffen offen: «Ich schrieb ihm auf, dass ich mit dieser Reise nichts beabsichtigt hätte, als ihn kennenzulernen; dass, da er mich gewürdigt habe, ... ich überglücklich sei, mein Ziel als erreicht anzusehen, und morgen wieder zurückwandern würde.»

Man kann es förmlich vor sich sehen: «Beethoven treffen!», abgehakt auf Richard Wagners Bucket-List. Würde die Geschichte in der heutigen Zeit spielen, hätte Ego-Richard sicherlich sein Smartphone rausgeholt und das unvermeidliche Selfie mit Ludwig gemacht, um es dann aufmerksamkeitsheischend sogleich auf Insta hochzuladen. Und auch der kurze Dialog, den die beiden Komponisten in Wagners Geschichte führen, dreht sich letztlich nur um Wagner: Die Zukunft der Oper, weg von der formenstrengen Aneinanderreihung von einzelnen Nummern, hin zum durchgehenden Musikdrama. Wagner ist es nicht zu peinlich, seine eigenen Ideen dem Meister Beethoven in den Mund zu legen und ihn damit zu seiner billigen Marionette zu degradieren.

Und Brandauer? Brandauer spielt natürlich den Ich-Erzähler Wagner. Doch immer wieder flammt das entlarvendselbstverliebte Lächeln auf, mit dem Brandauer schon den Bösewicht «Largo» im Bond-Film «Sag niemals nie» verkörperte. Gelegentlich blitzt Ironie durch, gekonnte Sprechpausen betonen manche Aussage durch Stille. Beethoven hingegen haucht er mit Stimme und Ausdruck eine Gebrechlichkeit ein, die ihn ein wenig hilflos erscheinen lässt, angesichts des enthusiastisch-egozentrischen und ungestümen Wagners. Ein ungleiches Spiel präsentiert Brandauer, in dem Beethoven sich aber auch nicht die Mühe macht, zu opponieren. Schon gar nicht wegen eines Richard Wagner.

Erstellt am: 13.08.2022

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