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Feinste Brillanz und grosse Emotionen

Am Donnerstag, 20. August, fand in der Kirche Gsteig das vorletzte Konzert der Reihe «Jeunes Étoiles» statt, die vom Menuhin Festival in Gstaad im Rahmen ihres diesjährigen Sommerprogramms veranstaltet wurde. Es spielte die russisch-italienische Pianistin Elena Nefedova. Das Konzert konnte sowohl live vor Ort als auch «digital» als Video-Stream mitverfolgt werden. Nach Abschluss der Reihe kann der Favorit oder die Favoritin zur Teilnahme am Gstaad Menuhin Festival im nächsten Jahr vorgeschlagen werden.

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Feinste Brillanz und grosse Emotionen

Die junge Künstlerin Elena Nefedova: Feinsinnig und doch stark – der Komposition verpflichtet und doch eigenständig als Interpretin.

Schon der Anfang des Abends war überwältigend: ein kleiner Kirchenraum, gotisch, mit uralter Frakturschrift an den Wänden, und Vorne ein riesig wirkender Konzertflügel. Fast schon konnte man in der kleinen Kirche Angst vor der physischen Wucht, die so manche russische Interpreten kennzeichnet, bekommen, in den ersten Sekunden, in denen man «corona-gerecht» in den hölzernen Bänken Platz nahm. Aber schon die Erscheinung von Elena Nefedova hatte beinahe etwas elfenhaft Leichtes, als sie von der hölzernen Empore kommend den Kirchensaal betrat. Als «Jeune Étoile», als junger Star, war sie angekündigt worden. Und doch liess ihr Spiel, beginnend mit einer Bearbeitung des Oboenkonzertes von Marcello durch J.S. Bach, nach nur wenigen Anschlägen jegliche Kategorisierung, jede Einordnung überflüssig werden. Vollkommen ohne Allüren und nur einem durchdringend leichten und klaren Musikideal gewidmet, stand unmittelbar die Komposition im Vordergrund.

«Fantasia» von Manuel de Fallas in fesselnder Darbietung
Es ist aber erst das Ende des trotz aller Feinsinnigkeit aufwühlenden Konzertes, das die unglaubliche Brillanz dieser mit ihren knapp 30 Jahren noch sehr jugendlich wirkenden Künstlerin zeigte: Manuel de Fallas höchst schwierige «Fantasia bética» beherrschte Elena Nefedova mit grösster Bravour, aber ohne jede Gewalt und ohne Exzesse. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil das Werk schon in der Partitur eine gewaltige Dynamik vorschreibt: Da steht ein dreifaches Pianissimo direkt neben einem dreifachen Fortissimo, und das Ganze wird noch verstärkt durch die arabisch und südspanisch beeinflusste Rhythmik de Fallas, die sehr abrupte «Ausbrüche» geschehen lässt, von den harmonischen Reibungen andalusischen Stils ganz zu schweigen. Diese «Fantasia» ist aber ein faszinierendes Stück, das der Komponist in grosser Bewunderung 1919 für den polnisch-jüdischen Ausnahme-Pianisten Arthur Rubinstein geschrieben hat.

Doch im Rahmen dieses durch und durch «analogen» Abends gelang der fast zart anmutenden Pianistin eine überaus reife Darbietung: Da «erschien» wirklich der entfesselte Südspanier de Falla, mit aller Heftigkeit. Er erschien aber in Nefedovas Darbietung italienisch-melodisch gefärbt und geradezu barock auf seine eigenen Kompositionsformen zurückgebunden. De Falla war nicht gezähmt, er war auf eine neue Weise aufgefasst.

Der Abend, den die Künstlerin mit einer barocken Sequenz als Zugabe in konzertant-konzentrierter Stille beschloss, war weit mehr als ein Genuss. Elena Nefedova gelingt es, in fast unnachahmlicher Weise das Werk selbst stärker zum Ausdruck zu bringen als die Interpretin oder ihr Instrument: Der Abend war eine Verbeugung vor der Musik.

Erstellt am: 27.08.2020

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