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Musikunterricht mit 89 Jahren fürs eigene Geburtstags-Ständchen

Was «Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr». Ein alter Spruch wird zum alten Zopf. Hans Hehlen ist lebendiger Beweis, dass das Lernen die Lebensfreude stützt und nie aufhören muss. Mit seinen 89 Lenzen nimmt er im Haus Fuhrenmatte in Boltigen Schwyzerörgeli-Unterricht. Am Dienstag konnte er sich und die Hausbewohner selber mit einem Geburtstags-Ständchen beehren.

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Musikunterricht mit 89 Jahren fürs eigene Geburtstags-Ständchen

© Stefan Pfander

Hans Hehlen mit seinem Lehrer Gyorgi Spasov von der Musikschule Saanenland-Obersimmental.

Das Haus Fuhrenmatte in Boltigen ist das Zuhause von zwölf betagten Bewohnern. Als Betreuungseinrichtung für Menschen mit Demenz wird es von Ruth Lempen und ihrem Team liebevoll geführt. Auch Hans Hehlen wohnt hier. Er ist ein untypischer Bewohner. Geistig noch rüstig, ist er mit seiner 90-prozentigen Erblindung aber auf Pflege und Betreuung angewiesen. Diese wird ihm im Haus Fuhrenmatte zuteil. «Es geht mir gut, fast viel zu gut», sagt er heiter und bescheiden.

Wieder der Musik zugewandt

Sein Zimmer durfte Hans im März 2018 beziehen, und dank eines Geschenks des Frauenvereins Saanen hat sich für ihn ein Traum erfüllt: Seit November 2020 wird er vom mazedonischen Akkordeonisten Gyorgi Spasov unterrichtet und darin unterstützt, auf seinem Schwizerörgeli wieder «es paar Cheerli» spielen zu können. Auch heute ist der Lehrer der Musikschule in der Fuhrenmatte zu Besuch, spielt und übt im Duo mit Hans Hehlen. Die Konversation verläuft gegenseitig auf Hochdeutsch. Spasov: «Ein bisschen Geduld und Konzentration, und schon gibt es Fortschritte.» Hehlen: «Der Unterricht macht mir grosse Freude. Zwei, drei Stücke möchte ich noch erlernen, mehr muss es nicht sein.» Vom Örgeli sieht Hehlen praktisch nichts, Hör- und Tastsinn sind dadurch besonders gefordert. Die Erblindung hat mit ca. 70 Jahren eingesetzt und sich seither stets verstärkt.

Er habe musikalisch «eifach sälber öppis gfuuschtet», berichtet Hans aus früheren Zeiten. Und schnell ist vom Abländschen die Rede. Hier, in diesem Taleinschnitt unter dem Felsnadelgebilde der Gastlosen, hat sich der grösste Teil von Hans Hehlens Leben abgespielt. Abländschen liegt auf dem Gemeindegebiet von Saanen, Boltigen und Jaun.

Handörgeli zur Konfirmation

Zur Konfirmation bekam Hans von seinem Vater ein Handörgeli geschenkt. «Ich hatte anfänglich wenig Interesse an der Musik und das Instrument landete auf dem Estrich», erinnert sich Hehlen. Eines Tages griff die Dirigentin des vier Frauen und vier «Mannen» starken «Abländschen Chörli» die Idee auf, miteinander ein Theaterstück einzustudieren. Die Rolle von Hans beinhaltete eine Handörgeli-Einlage. «So holte ich, ermutigt von einer solchen Gelegenheit, das Handörgeli vom Estrich herunter und übte unter Anleitung von Frau Pfarrerin das Lied ‹Im Aargau si zwöi Liebi› fleissig ein.

Etwas später fand ein weiterer denkwürdiger Auftritt des Chörlis statt, in einem Saal in der Stadt Freiburg, organisiert durch den Dirigenten der Blasmusik Jaun. Das Konzert bestand gemäss Hehlens Erinnerung aus einem einzigen Lied «La-haut sur la montagne». Der Auftritt wurde zur unauslöschlichen Erinnerung: «Nach unserer Darbietung stand der ganze Saal auf und applaudierte. Es war der schönste Augenblick meines Lebens und ist es bis heute geblieben.»

Erstellt am: 13.02.2021

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